Ende Mai war es endlich so weit: Die lang ersehnten Fachprüfungen des Faches Darstellendes Spiel (DS) standen an, eingebettet in einen fulminanten Theaterabend in der voll besetzten Aula der Rhenanus-Schule. Das Ensemble, bestehend aus der Oberstufe (Q2 und E-Phase) sowie den WPU-Kursen der Klassen G10 und R10, brachte unter der Leitung von Frau Stern Georg Büchners Dramenfragment „Woyzeck“ auf die Bühne.
Was das Publikum an diesem Abend erlebte, war nichts Geringeres als eine künstlerische Sensation, die tief bewegte, schockierte und restlos begeisterte.
Die Q2 nutzte die Kulisse geschickt und sorgte mit einem engagierten Verkauf von Kuchen und Getränken für eine erstklassige Bewirtung, um die eigene Abikasse aufzubessern.
Das Konzept: Zwischen bitterer Mediensatire und düsterem Antimärchen
Dann erlosch das Licht, absolute Stille legte sich über den Raum, und der Zauber des Theaters begann. In einer profunden Einführung wurde dem Publikum das Stück zunächst als das präsentiert, was es ist: ein unvollendetes Fragment, eine verstörende, fiebrige Sichtweise des gepeinigten Woyzeck auf die Geschehnisse rund um seine Geliebte Marie und deren Affäre mit dem Tambourmajor. Schon die ersten collagenartigen Textversatzstücke – Maries sehnsüchtiges „Ich hab´ so einen roten Mund“ gepaart mit Woyzecks verzweifeltem Aufschrei über die inneren Stimmen: „Immerzu! Immerzu!“ – zogen die Zuschauer unweigerlich in einen mörderischen Sog.
Das Regiekonzept brach dabei genial mit Sehgewohnheiten: Das Stück war doppelbödig aufgebaut. Einerseits als zynische Gesellschaftsshow – inszeniert im Stile von Die Sendung mit der Maus –, die die Perversionen des menschlichen Miteinanders als vermeintlich leicht verdauliche Unterhaltung präsentierte. Absolut schräg, gewinnbringend und rein leistungsorientiert führten Ben Mehler und Lian Orth als Moderatoren durch diese skurrile Fashionshow. Unterstützt wurden sie dabei von Sanna Bölling als weiterer Moderatorin und von Magda Wesche, die im sachlichen Stil durch das Geschehen leitete. Louis Brill glänzte hier als ganz sachlicher, zynischer Arzt, der diese schräge Show im Stile eines sarkastischen Moderators à la Stefan Raab auf die Spitze trieb.
Andererseits wurde das Geschehen von dem Märchenerzähler Malik Kaplan dargeboten, der durch ein düsteres Antimärchen führte. Doch diese Rahmung entlarvte sich als grausame Illusion: Während im klassischen Märchen alle gerettet werden und der Held die Frau bekommt, bricht diese Struktur hier radikal zusammen. Märchen enden eben nicht immer gut, auch wenn der Erzähler es vorgibt – ein genialer metadiegetischer Kommentar auf unsere heutige Tendenz, Missstände medial weichzuspülen.
Visueller Minimalismus im Geiste Bertolt Brechts
Diese doppelbödige Brechung spiegelte sich meisterhaft im Bühnenbild wider. Ganz im Sinne des Epischen Theaters nach Bertolt Brecht wurde bewusst auf jede naturalistische Illusion verzichtet. Die Bühne bestand ausschließlich aus minimalistischen schwarzen Klötzen und flexiblen Paravents. Diese Elemente wurden von den Darstellern im laufenden Betrieb beliebig hin und her bewegt, um immer wieder neue Räume und Perspektiven zu schaffen. Das Publikum wurde dadurch permanent und gewollt daran erinnert: Das hier ist Theater! Ein kühner Verfremdungseffekt, der die Zuschauer nicht sentimental mitleiden ließ, sondern sie zum kritischen Nachdenken über die gesellschaftlichen Mechanismen zwang.
Eine Parabel des Vergessens und der finale Todeskuss
Ein besonders eindringliches, bildgewaltiges Symbol war das Schicksal des Kindes von Woyzeck und Marie. Über allen Szenen stand drohend der Mond als fressendes, abgrundtief böses Wesen – gruselig und markerschütternd verkörpert durch Martha Weidner, Amelie Schimpf, Jakob Sturm, Tim Umbach und Khoa Le Tran Van. Dieser gefräßige Himmelskörper erwürgte schließlich das unschuldige Kind. Ben Mehler, Tim Umbach, Leonard Meisterund Luise Klenke brachten diese Rolle als zutiefst liebenswertes, aber völlig hilflos schreiendes Kind auf die Bühne – eine erschütternde Allegorie auf eine Gesellschaft, die im Wahn ihrer eigenen Egoismen und Triebe das Schwächste vergisst und vernachlässigt.
Das furiose Finale am See setzte der darstellerischen Brillanz die Krone auf: Woyzeck ersticht Marie. Doch in einer atemberaubenden, surrealen Wendung steht Marie als Leiche noch einmal auf. Geplagt von anfänglichen, sprachlosen Gewissensbissen, die sie Woyzeck im Leben nie vermitteln konnte, sieht sie im Tod die einzige Möglichkeit der absoluten Vereinigung. Sie holt aus und ersticht ihn ihrerseits. Ein Stich mitten ins Herz, der beide im Tod vereint. Ein doppelter, tragischer Untergang, der das Publikum atemlos zurückließ.
Ein Meisterwerk der Disziplin und schauspielerischen Brillanz
Dass ein so komplexes, tiefgründiges Stück mit einer derart großen und altersübergreifenden Gruppe fehlerfrei funktioniert hat, grenzt an ein logistisches und künstlerisches Wunder. Ein ganz besonderer Dank gilt hierbei Lea Dräbing und Anny Scharff.
Obwohl sie mitten in ihren Realschulabschlussprüfungen steckten, ließen sie es sich nicht nehmen, den Chor im Hintergrund stimmgewaltig zu begleiten. Sie spiegelten damit auf grandiose Weise die innere Zerrissenheit von Woyzeck und Marie wider.
Alle Beteiligten agierten mit einer Professionalität und eisernen Disziplin, die allerhöchsten Respekt verdient. Bei einem so riesigen Ensemble hofft man im Nachgang inständig, keinen Namen vergessen zu haben, denn die schauspielerischen Leistungen zeigten durchweg ein sensationelles Niveau:
Die Schülerinnen und Schüler der Rhenanus-Schule können sich glücklich schätzen und stolz auf das sein, was sie hier gemeinsam geschaffen haben. Sie haben Büchners Klassiker nicht nur verstanden, sondern ihn als sensationelles, flammendes Plädoyer gegen gesellschaftliche Kälte in die Gegenwart katapultiert. Ein riesiges Dankeschön an alle Beteiligten für dieses unvergessliche, wunderschöne Theatererlebnis!
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