Rhenanus-Schule
37242 Bad Sooden-Allendorf
Im Huhngraben 2

Streiflichter

Sportlerfluchten aus der DDR. Gesprächsabend mit Jürgen May und Dr. Rene Wiese

Mit den Worten „Wenn aus Freiheit Unfreiheit wird, muss man was dagegen unternehmen“, eröffnete Stefan Heuckeroth-Hartmann vom Arbeitskreis Grenzmuseum einen Gesprächsabend, der im Zeichen der Auflehnung gegen eine Diktatur stand. Mit den Worten „Wenn aus Freiheit Unfreiheit wird, muss man was dagegen unternehmen“, eröffnete Stefan Heuckeroth-Hartmann vom Arbeitskreis Grenzmuseum einen Gesprächsabend, der im Zeichen der Auflehnung gegen eine Diktatur stand. Wie man deren Mechanismen auch und gerade im Sport erkennen könne, illustrierte Dr. René Wiese vom Berliner Zentrum für Deutsche Sportgeschichte vor vielen vorwiegend jungen Zuhörern in der Aula der Rhenanus-Schule, darunter auch einigen Gästen von der Modellschule Obersberg in Bad Hersfeld.

In seinem Vortrag bezog Dr. Wiese sich auf die Fluchten zahlreicher Sportler aus der DDR, angefangen mit der des späteren DFB-Bundestrainers Helmut Schön, der so wie die komplette Mannschaft seines Dresdner SC schon 1950 heimlich nach West-Berlin übergesiedelt war.

Ähnlich der Fall des Ost-Berliner Fußballclubs SC Oberschöneweide, der sich 1949 im West-Teil der Stadt neu gründete, um am Endspiel um die Deutsche Meisterschaft gegen den HSV teilnehmen zu können - was die DDR-Regierung den Oberschöneweider Spielern zuvor untersagt hatte.

Den Rücken kehrten der DDR in vielen Fällen Sportler, die stigmatisiert waren – sei es, dass sie als Kinder von Ärzten oder Akademikern nicht zum Studium zugelassen wurden, sei es, dass sie die geforderte Loyalität zum System nicht leisten mochten.


Der Umgang der DDR-Medien mit den Flüchtenden war rigoros: „Verrat bleibt Verrat“, etwa titelte das „Sportecho“ des DTSB über einen Trainer, der in den Westen gegangen war. Häufig wurde in der Presse der Verdacht genährt, dass „Menschenhändler am Werk“ gewesen seien.
Schauprozesse wurden geführt, in denen schon die bloße Mitwisserschaft über Fluchtabsichten zu Zuchthausstrafen führten. Selbst Sportler, die es bereits in den Westen geschafft hatten, wurden unter Druck gesetzt: So gelang es dem Vater der geflüchteten Hürdenläuferin Karin Balzer, seine Tochter unter Hinweis auf drohende Repressalien für die Familie in die DDR zurückzuholen.
Trotz ihrer Rückkehr habe das Regime der Olympiasiegerin die „Republikflucht“ nie verziehen.

Äußerst spektakuläre Fluchtwege gab es: wie etwa den des Schwimmers Axel Mitbauer, der 1969 von Boltenhagen aus 22 km über die Ostsee schwamm, bis er von einem westdeutschen Frachtschiff aufgelesen wurde.

An George Orwells dystopischen Roman „1984“ erinnert die Tilgung von Leistungen in den Archiven, sobald jemand beim System in Ungnade gefallen war: Der Heiligenstädter Turn-Olympiasieger Wolfgang Thüne etwa wurde nach seiner Flucht aufwändig von den Mannschaftsfotos entfernt. Ähnlich erging es dem Dresdner Fußballer Peter Kotte, der wegen einer Flucht-Mitwisserschaft gesperrt war. Menschen von den Bildern zu retuschieren sollte offenbar auch bedeuten, sie aus der  öffentlichen Erinnerung auszuradieren.

Nach einer herzlichen Umarmung mit einer bundesdeutschen Konkurrentin wurde die DDR-Schwimmerin Renate Vogel gemaßregelt, sodass sie sich schließlich zur Flucht entschloss. Im Betrieb ihrer Mutter mussten sich daraufhin deren Arbeitskollegen medienwirksam von ihrem „Verrat“ distanzieren.

Manche „republikflüchtigen“ Sportler wurden offenbar selbst im Westen noch von Mitarbeitern der Staatssicherheit observiert, wie sich etwa aus der Stasi-Akte des Fußballers Lutz Eigendorf ergibt, in der sich Fotos von ihm und seinem damaligen Lebensumfeld in Kaiserslautern finden. – Eigendorf starb bei einem Verkehrsunfall. In seiner Akte findet sich der lakonische Hinweis „Weggeblitzt“.

Unter der Lupe betrachtet wurde das Thema der Sportlerfluchten im zweiten Teil des Abends am Beispiel des einstigen Leichtathletik-Welt- und Europameisters und späteren Flüchtlings Jürgen May, der von vier Rhenanus-Schüler/innen des Jahrgangs 13 interviewt wurde: Hoang Nhung, Can, Denise und Ceddric.

May wurde 1965 in der DDR zum Sportler des Jahres gewählt. Er war jedoch insofern in Konfrontation mit dem System geraten, als er keinen Studienplatz erhielt, da sein älterer Bruder die DDR verlassen hatte. Stattdessen erlernte May das Handwerk des Schriftsetzers.

Auf Hoang-Nhung Phams Fragen nach Jürgen Mays eigenen Erfahrungen mit dem Ost-West-Konflikt berichtete dieser von ständiger „Rotlichtbestrahlung“, d.h. von häufigen politischen Versammlungen, in denen der sportliche Kampf als „Klassenkampf der Systeme“ definiert und die Richtschnur ausgegeben wurde, den Klassenfeind zu besiegen.

Can Franke beleuchtete in seinem Interview Jürgen Mays sportliche Laufbahn, zu der etliche Mittelstrecken-Titel und -Rekorde zählen, aber auch seine Reglementierung im Zusammenhang mit dem „Schuhkrieg“: 1966 hatte May sich von Vertretern der Firma Puma dazu überreden lassen, deren Schuhe in einem Wettkampf zu tragen und dafür 500 Dollar erhalten. Obendrein brachte er auch einen Mannschaftskameraden dazu, es ihm gleichzutun.

Was May nicht ahnte, war, dass die DDR einen exklusiven Ausrüster-Vertrag mit Pumas Mitbewerber Adidas geschlossen hatte. Die Folgen waren schwere berufliche Nachteile und eine lebenslange Sperre als Leistungssportler.

Diese resultierte 1967 in seiner Flucht in die Bundesrepublik, wo May seine Karriere mit weiteren Titeln und Rekorden fortsetzte, sodass er 1969 vom DLV für die Europameisterschaften in Athen gemeldet wurde. Einen Tag vor Beginn der Wettkämpfe jedoch setzte die DDR mit einem sportrechtlichen Winkelzug durch, dass May von den Spielen ausgeschlossen wurde. Aus Solidarität mit ihm boykottierte das bundesdeutsche Team daraufhin die EM.

May konnte danach an seine vorherigen Leistungen kaum noch anknüpfen. Bei den Olympischen Spielen in München 1972 schied er gar in der Vorrunde aus, was in der DDR-Presse hämisch mit dem Terminus „Versager“ kommentiert wurde. Im Alter von 30 Jahren gab er seine aktive Laufbahn auf.

 

Wiese   Mai Gruppe 2   Moeller Heuckeroth

 

 

Denise Jahnert und Ceddric Hempel befragten May zu seiner Fluchtgeschichte, die an einen Agenten-Roman erinnert. Mit Hilfe seines im Westen lebenden Bruders gelang es ihm, Kontakt zu einer Fluchthelferorganisation aufzunehmen, die einen ausgeklügelten Plan entwickelte, mittels dessen er auf dem Umweg über Ungarn in den Westen gelangen konnte: May und – getrennt von ihm - seine Braut wurden jeweils in einem eigens präparierten Cadillac über die österreichische Grenze geschleust: die Hände im Armaturenbrett, den Rumpf im Kotflügel versteckt.

Zwei Stunden verbrachten beide in dieser Position, samt Herzklopfen und Hundegebell - eine Erfahrung, von der May noch viele Jahre später geträumt habe.

In der anschließenden Debatte mit dem Publikum ging es um Themen wie die intensive Sportförderung in der DDR, aber auch um das Doping, das seit den 1970er Jahren „flächendeckend“ durchgeführt worden sei – und von dem heute, wie May ausführte, die ganze Leichtathletik-Weltspitze „verseucht“ sei: „Dort geht nichts mehr mit rechten Dingen zu.“

Ein sehr informativer Abend: dank eines Experten, der sein Spezialgebiet kurzweilig präsentieren kann, dank eines Zeitzeugen mit einer eindrucksvollen Lebensgeschichte – und dank einiger Schüler/innen, die sich nicht nur gut vorbereitet haben, sondern auch souverän moderieren können.

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