Rhenanus-Schule
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Streiflichter

Junge Poeten

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Poetry Slam 2018

Wer meint, dass Poetry Slams vor allem Gaudi und Klamauk wären, wurde eines Besseren belehrt: Schon das Hors d’oeuvre - Hanna-Maria Bormuth spielte zur Eröffnung auf der Geige Stücke von Paganini und von Bach - zeigte, dass es bei dieser literarischen Jausenzeit um Erlesenes für Feinschmecker gehen sollte.

Mit ausgesprochen niveauvollen Beiträgen beeindruckten die Teilnehmer des Poesie-Wettbewerbs die etwa 40 Zuhörer in der St. Marien-Kirche. Die Veranstaltung war Teil des Programms zur 800-Jahr-Feier.
Teresa Offenhäuser aus dem Abschluss-Jahrgang der Rhenanus-Schule etwa ließ es sich trotz ihres gerade laufenden Abitur-Prüfungsmarathons nicht nehmen, ihren Beitrag mit dem programmatischen Titel „Alles wird gut“ vorzustellen. Darin beleuchtet sie die Mühen der Ebene, aber auch die Berg- und Talfahrten in einer Liebesbeziehung, mal aus der Perspektive der „SIE“ und mal des „ER“. Mit dieser Finesse bewegt Teresa sich bis an die Außengrenzen des Lyrischen und verleiht ihrem Text einen fast schon dialogischen Charakter.
Dabei arbeitet sie mit starken, einprägsamen Bildern und Wortfolgen.
Es geht ums Versetzen und ums Verletztwerden, aber auch um beherzte Schritte, die Krise zu überwinden:

„Habe aufgehört, weiterzufahren und angefangen anzuhalten und bin jetzt da - Herzschlag, Kupplung, Bremse, Stille, nur die Musik ist noch laut, ich setze alles in diesen einen Moment schließe die Augen und bete, alles wird gut“, denkt SIE.

„Sie hat mich in ihren Bann gezogen,
zu oft schon belogen, betrogen (...)
Und doch, lass uns gegen den Strom schwimmen und uns in einander verlieren und rebellieren, siegen soll die Unvernunft!“, tönt es in IHM. Kaum zu fassen, dass dies Teresas allererster Slam ist.

Rhenanus-Absolventin Julia Stumpf (geb. Beresuzki), mittlerweile Studentin der Germanistik und Slawistik in Göttingen, hingegen hat ihre Texte bereits bei zahlreichen Wettbewerben, auch auf regionaler und nationaler Ebene, vorgestellt.
In ihrem heutigen Beitrag bezieht sie sich auf den Holodomor, die große Hungersnot in der Ukraine in den Jahren des Stalin-Terrors 1932/33.
Julia zeichnet in ihrem Text das Bild einer apokalyptischen Landschaft aus den Augen eines Überlebenden. Dieses Gemälde der Grausamkeit in bleierner Stille endet mit den Worten:

„Wir bleiben hier.
In schwarzen Kleidern,
gehen unsere Runden über diesen
Friedhof unserer alten Welt
und warten,
bis die Ziegen und die Pferde uns fressen, dafür, dass wir niemanden anderen als uns und nichts anderes als das hier retten konnten.“
(Die vollständige Fassung ist abrufbar auf ihrem Blog libellenklang.de.)

Julia widmet ihren Text jedweden Opfern von Brutalität - und allen, die die Augen nicht vor der Erinnerung verschließen.

„Erinnerung“ ist auch das Thema von Finnja Coldewe, Rhenanus-Abiturientin des vergangenen Jahres. Sie absolviert derzeit an der Schule ein FSJ. In ihrem Text verarbeitet sie einerseits den Verlust eines Menschen, setzt sich zum anderen aber auch in geradezu philosophischer Manier mit dem Phänomen der Erinnerung überhaupt auseinander.
Dazu konstruiert Finnja eine ebenso elegante wie raffinierte Analogiebeziehung zwischen der Entwicklung eines Menschen und der von Erinnerungen:
Sind sie noch frisch wie kleine Kinder, verlangen sie beständig nach Aufmerksamkeit, sind wild, laut und unbeholfen.
Im Teenager-Alter hingegen drohen sie zu entgleiten. Sie werden bockig und rebellieren. Verlustängste tauchen auf. Was, wenn man sie gehen lässt und sie womöglich nie zurückkommen?
Umso schöner, wenn sie als Erwachsene gelegentlich zurückkehren, „wunderschön und leuchtend“, und so viel zu erzählen haben.
Aber auch sie werden älter und zerbrechlich, hören schlecht und brauchen besondere Pflege.
Vergessen sie immer wieder etwas, schämen sie sich und verschließen sich vor der Außenwelt.
Zeit müsse man ihnen geben und Geduld haben, dann bleibe doch ein warmes Gefühl zurück.

Noch tröstlicher aber sei:

Irgendwann werden wir selbst zu einer Erinnerung.

Ihre Zuhörer fordert sie dazu auf:
„Setzt euch mit euren Erinnerungen auseinander und lernt sie verstehen! Aber vor allem erinnert euch an heute und an mich, denn dann brauche ich mir niemals Gedanken darüber zu machen dass irgendjemand hier allein ist.
Egal ob ihr oder ich.“

Nach diesen ernsten und nachdenklichen Texten nimmt Paul Meinold, Jahrgangsstufe 12 der Rhenanus-Schule, seine Zuhörer in seinem Beitrag „Spieleabend“ mit auf eine Reise durch ein Panorama von Parties.

Dabei lernt das Publikum manches über Gesellschaftsspiele in der Runde trinkfreudiger Menschen. Diese Beschreibung entwickelt sich zu einem surrealistisch anmutenden Feuerwerk von Ideen, in dessen Verlauf Straßenschlachten in Monopoly zu einer kommunistischen Machtübernahme führen: Jedem soll jeder Platz gehören.
Metal Music sowie Met und Charlie Bacardi verleiten die Partygänger aber auch dazu, sich selbst in Spielfiguren zu verwandeln und eine epische Reise nach Mittelerde anzutreten, wobei sie Drachen begegnen, die nach Gold suchen und Zwerge verputzen.
Schließlich schläft das lyrische Ich in der Hängematte ein und träumt davon, sich selbst in einen Klumpen Gold zu verwandeln.

Angesichts dieser Reihe ausgesprochen kreativer Beiträge fiel es der Jury entsprechend schwere, ein Urteil zu fällen. Im Foto-Finish war die Leichtathletin Finnja den anderen Teilnehmern um eine Nasenlänge voraus.
Aber nicht nur sie wird diesen Nachmittag noch lange in sehr angenehmer „Erinnerung“ behalten.

Ein herzlicher Dank gebührt auch den Mitgliedern des Kirchenvorstands der St. Marien-Kirche, die die Besucher vor und nach der Veranstaltung so großzügig bewirteten - und an Kai Stumpf, der den Wettbewerb ebenso cool wie kenntnisreich moderierte.

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